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Warum ich schreibe

Alle meine früheren Bücher handeln von Krieg, Vaterverlust, Traumata usw. Dies sind zwar wesentliche Themen in meinem Leben, aber nicht die einzigen. Ich habe mich für sehr viel mehr interessiert und darüber geschrieben. Ohne hier mein gesamtes Curriculum Vitae aufzulisten, begann doch alles mit einer Reihe von Rundfunkfeatures, dokumentarischen Kompositionen von Stimmen, Text und Ton, die mir mehrere internationale Preise, darunter den Prix Italia und den Prix Futura – sowie eine Entlassung einbrachten. Und ohne mich weiter über meine Produktion historischer Romane o.ä. auszulassen, nur soviel: Neben allem, was ich geschrieben habe – nicht nur über Krieg, auch über Liebe und Schuld – wartet noch ein anderer riesiger Komposthaufen, der anwächst und vor sich hin gärt, nämlich meine Fremdheit oder Ausgrenzung oder wie man es nun nennen mag. Die erste Ausgrenzung habe ich in Dänemark erlebt. Die letzte ist meine augenblickliche Expatriierung, real und noch größer als die erste. Ich glaube zu wissen, dass Exil, Fremdsein, der Schlüssel zu allem ist, was ich schreibe. Es ist der Energiepunkt, der Schmerzpunkt, der Glückspunkt, also will ich ein wenig davon erzählen, was mich von meinen dänischen Wurzeln losriss. Berlin und ich. Ich erinnere mich an meinen ersten Winter in Berlin. Es war kurz nach Einbruch der Dunkelheit, mit starkem Verkehr und hell erleuchteten Straßen. In den Kneipen drängten sich die Gäste, und draußen war die Luft wie flüssiges Eis. Trocken, kalt, hart. Eine Kontinentalzunge sibirischer Kälte hatte sich über Berlin gelegt. Die Trinker froren sich auf dem Heimweg die Ohren ab. Meine Nase war kalt wie ein Stein, der lange in einer Tiefkühltruhe gelegen hat. Alles war mir abhanden gekommen: der meerweiche, milde dänische Winter, die dänische Sprache, mein Gefühl für das ‚Ich’. Schließlich war ich mit nassem Haar rausgegangen und kam mit weißen Haaren in die Kneipe, in der meine damalige Loreley auf mich wartete. Bis dahin hatte ich mir das Exil immer als das Furchtbarste vorgestellt, was einem Menschen zustoßen konnte. Ovid am Schwarzen Meer, P.A. Heiberg in Paris, Osman Caglar in Ishøj bei Kopenhagen. Alle litten und sehnten sich während des Aufenthalts in der Fremde nach der Heimat. Gleichzeitig wurde ich der Vorteile gewahr. Ich hatte angefangen, Luftwurzeln zu schlagen, das Fremde war mir vertraut und weniger bedrohlich geworden. Ich wurde allmählich von einem neuen, euphorisierenden Stoff eingefangen, von dem ich leicht abhängig werden konnte: dieser eigenartigen Ausdünstung von Krieg, Pathos und Tragödie, die über Berlin lag. Auch meine Sprache änderte sich. Ich lebte nicht länger in einer, sondern zwischen zweien: meiner dänischen Muttersprache, die die Gefühle klein, leise, tückisch machte, und einer deutschen, in der man von ‚Tod und Leidenschaft’ reden konnte, ohne sich lächerlich zu machen. Ich merkte auch, wie das Deutsche allmählich in mein Dänisch einsickerte und es kräftiger und humaner machte, und sich gleichzeitig langsam mein altes dänisches ‚Ich’ auflöste. All die feinen, spinnwebartigen Alltagsfäden waren zerrissen – und ich erlebte das Neue, als wäre ich einer Verurteilung zu lebenslänglichem Gefängnis entgangen, für ein Verbrechen, das ich nicht begangen hatte. Es war eine Art Durchtrennen meiner nationalen Nabelschnur, und ich hatte meinen Kopf wieder zurück, lebendig. Das war befreiend. Alter Schmutz fiel von mir ab. Übrig blieb ich, ungeschützt und nackt.

Ich will damit sagen, dass ich mich allem ausgesetzt hatte, ohne die Konsequenzen zu kennen. Ich hatte es aus Existenznot tun müssen. Und es stellte sich als eine gewaltige Bereicherung heraus, vor allem jetzt, wo das Schlimmste überstanden zu sein scheint. Hinzufügen möchte ich noch, dass dieses mein Exil nicht das gleiche ist, wie das eines reiselustigen Studenten, der weiß, dass er nach Hause zurück kann, mit Aussicht auf BAföG und feste Arbeit. Dieses Fernweh bildet sicher auch, ihm fehlt jedoch der letzte Feinschliff. Von Abstechern nach Dänemark abgesehen, Abstecher, die alle in erneutem Widerwillen und Abschied endeten, habe ich mich nun über 20 Jahre in Berlin aufgehalten. Jetzt wie auch früher habe ich ohne feste Bezahlung und Arbeitslosenunterstützung gelebt, nicht zuletzt in sehr großer Einsamkeit, die mich zwang, mich mit meinen eigenen Gedanken zu beschäftigen. Es mag pathetisch klingen, in Wahrheit ist es jedoch eine Untertreibung. Zwar ist Einsamkeit ein starker Herr, unbeugsam, rau und unsentimental, aber auch eine große Lehrmeisterin. Ich glaube fast, Einsamkeit ist das Fruchtbarste – und Schwerste – was einem Menschen begegnen kann. Jeder, der öffentlich reden möchte, sollte sich einige Jahre darin üben. Dann würde weniger Unsinn geredet. Dies ist zumindest der Hintergrund für meine Artikel über Holberg, Oehlenschläger, Jensen usw. Dänische Literatur braucht dringend eine kräftige Durchlüftung, wenn ich mir auch nicht sicher bin, dass dies meine Aufgabe ist. Zuhause erinnert zu viel an Nasrudin, der vor sein Haus geht und nach etwas zu suchen scheint. Jemand beobachtete ihn und fragte: „Was suchst du, Nasrudin?“ „Meine Schlüssel“, antwortete der. Nun lagen beide auf den Knien und suchten den Schlüssel. Nach einer Weile fragte der andere: „Wo hast du ihn eigentlich verloren?“ „In meinem Hause.“ „Aber warum suchst du ihn dann hier draußen?“ „Weil es hier heller ist.“

Nunja, doch zurück zum Exil. Aus dieser Perspektive schreibe ich; also von ihr aus denke ich, rede ich über Krieg, Reisen, Religion, Liebe, Schmerz, Melancholie. Von ihr aus habe ich eingesehen, dass nicht Religion oder Ideen die wirklichen Offenbarungen des Lebens sind, vielmehr die gewaltige Wirklichkeit des Universums und ihre schwebende Zerbrechlichkeit und Unergründlichkeit. Noch grotesker wird es, wenn wir von Oben und Unten sprechen, von Gut und Böse, von festem Boden unter den Füßen in einem Universum, wo die Erde vielleicht schon langsam aufhört, sich zu drehen. So ist es nun mal. Alles andere ist Einbildung, Traum, Unsinn.