AUS ALICIA:

ÜBER TERRORISMUS:

Alicia hakte nach und fragte, worüber ich schrieb.

Ich sagte, es handele von der deutschen Besetzung Nordjütlands und von meinem Vater, für mich damals ein ganz neues Thema – wie eine Wunde, die gerade geöffnet worden war.

„Was ist mit ihm passiert?“, fragte sie.

Ich erzählte es ihr. Er war hingerichtet worden.

„Und zwar zweimal“, sagte ich noch. „Erst als Terrorist, dann als Freiheitskämpfer. Ich glaube, er mochte weder das eine noch das andere.“

Sie sah mich mit einem ironischen Ausdruck an.

„Erzähle!“

Vielleicht provozierte mich ihre ironische Art. Vielleicht, weil sie rundheraus behauptete, nichts wäre leichter zu verurteilen als der Terrorismus. Jedenfalls erwähnte ich, dass ich bei meinen Nachforschungen auf mehrere Zeitungsausschnitte über die Hinrichtung meines Vaters gestoßen war. Der erste war am 16. März 1945 in allen Kopenhagener Zeitungen und den großen Provinzblättern erschienen. In ihr stand, dass man ihn mit sechs anderen namentlich genannten Männern in Ryvangen erschossen hatte. Die Überschrift lautete: „Sieben Terroristen hingerichtet“.

In demselben Ordner fand ich etwa gleichlautende Zeitungsnotizen aus der Zeit nach der Befreiung. Nur hatte man die Überschrift ausgetauscht, jetzt lautete sie: „Sieben Freiheitskämpfer hingerichtet“.

Bis zum 4. Mai war mein Vater also Terrorist gewesen und danach Freiheitskämpfer. Ich konnte diese Metamorphose nur schwer begreifen, da ich zu der Zeit noch in dem naiven Glauben lebte, die Welt sei auf festen Werten wie Gut und Böse und richtig und falsch gegründet.

„Terrorist im März und Held im Mai. Grenzt das nicht fast an ein Wunder?“

JONAS WIRD VON ALICIA VERGEVALTIGT

Einige Stunden später wurde ich wach, weil Alicia auf mir lag und mich fickte. Vielleicht ist „liebte“ das richtige Wort. Mein Schwanz war noch etwas verschlafen, aber nicht uninteressiert, im Gegenteil, ziemlich kräftig, und als sie merkte, dass ich wach war, fing sie an, mich zu küssen und kam dabei ihrem Orgasmus immer näher.

Ich weiß nicht, wie lange sie mich geliebt hatte, als ich schlief. Ich war viel zu müde und hatte zu viel Wein getrunken, und ich erinnere mich nur noch, dass ich ihre Brunst riechen konnte, sie füllte das dunkle Bett mit einem starken Geruch von Moschus und einem Schuss Meer und Fisch, alles in allem ein süßlicher und schwerer und aufregender Duft. Sie blieb über mir liegen, behielt mich in sich und bewegte sich dabei ruhig, beinahe fröhlich, als wäre sie stolz auf ihre Leistung. Sie manövrierte etwas mit uns herum, so dass ich über ihr zu liegen kam, und schien es zu genießen, dass sie das Tempo bestimmte. Ihr Kopf war über die Bettkante gefallen, ihr Haar fegte über das Dielendunkel, bis die Laute, die sie ausstieß, wieder von ganz unten, von ihren Zehenspitzen hochstiegen und ihrer Kehle wie eine königliche Fanfare entströmten.

„Entschuldige“, flüsterte sie dann und küsste mich. „Entschuldige, bin ich zu egoistisch?“

„Nein“, antwortete ich. Ich glaube, darauf wäre ich nie gekommen.

„Du sahst so unschuldig aus, im Schlaf … gar kein bisschen Kriegsreporter.“

„So siehst du mich also?“

„Ja, ein bisschen schon“, flüsterte sie. „Aber du bist lieb.“

Ich war immer noch etwas verschlafen, und es dauerte eine ganze Weile, tatsächlich mehrere Wochen, ehe mir aufging, dass sie mich vergewaltigt hatte. Nun ja, vielleicht nicht direkt vergewaltigt, aber benutzt, als ich schlief, und obwohl es mir schmeichelte, dass ich ihre Lust geweckt hatte, so dass sie sich nicht mehr beherrschen konnte, musste ich doch unablässig daran denken, was man davon halten würde, wenn ich sie nun im Schlaf bestiegen hätte, aber in dieser Nacht war das egal.