zurück

Am Anfang war das Ohr

Das radiophonische Feature gehört zu dem Teil meines Lebenswerks, den ich hinter mir ließ, als ich Mitte der 80er Jahre nach Berlin zog. Viele haben schon radiophonische Features gehört, ohne es zu bemerk-en. Auf der Oberfläche gleichen sie der Reportage und werden mit ihr so verwechselt wie der Star mit der Amsel. Doch nur die Amsel, sie singt so wunderbar.

Den folgenden Essay habe ich anlässlich einer Klangausstellung geschrieben, die vom 13.–16. Januar 2007 im Kopenhagener Literaturhaus stattfand:

„Die radiophonische Montage hat ein Schattendasein unter den Kunst-arten geführt, meistens übersehen, gelegentlich als eine ungewöhnliche Leistung in einem sonst laufenden Klangteppich mit herablassendem Lob bedacht, doch nie ihrem wirklichen Rang entsprechend als Kunstart auf Augenhöhe mit Literatur, Malerei, Musik“.

Niels Peter Juel Larsen.

Das Genre mit deutschen und englischen Wurzeln hat sich in Dänemark nach der deutschen Besetzung (1940–1945) unter der inspirierenden Leitung des österreichischen Flüchtlings Willy Reunert entwickelt. Er ist der Schöpfer dessen, was wir heute als dänisches Radiofeature kennen, und hat mit seinen Programmen den Begriff „Gefährliches Radio“ geschaffen. Einer seiner begabtesten Schüler war Viggo Clausen, der das Genre in eine weniger sozialkritische Richtung hin entwickelte und mehr Gewicht auf Originalaufnahmen in dramatischer Form legte. Das radiophonische Feature hat viele Namen. Anfänglich nannte man es Hörbild. Später gab ihm Viggo Clausen als Hommage an Eisensteins Montagetechnik– und davon träumend, es dieser gleich zu tun – den Namen „Montage“. Im Ausland firmiert sie unter Bezeichnungen wie Documentary.

Danach haben Stephen Schwartz und der 2007 viel zu früh gestorbene Peter Kristiansen, und der unterzeichnete Niels Peter Juel Larsen das Genre weiterentwickelt. Von der jüngsten Generation sind Personen wie Tim Hinman, Rikke Houd und Krister Moltzen zu nennen.

„Was das Gehör angeht, so bist du ihm völlig ausgeliefert. Dagegen ist nichts zu machen. Bist du mit Gehör geboren, so bist du prinzipiell gezwungen, ALLES zu hören, was innerhalb der Hörweite liegt – von dem Augenblick an, in dem du in die Welt geworfen und bis du wieder aus ihr hinausgeworfen wirst.“

Sven Holm in der Essaysammlung Dronning Margrethes hår og andre 33 klip (Königin Margrethes Haar und 33 andere Schnitte).

Ohne das Mikrophon wäre nichts. Das Mikrophon fängt die Welt als Klang ein. Ohne Mikrophon ist ein Gespräch bloßes Gerede. Erst das Mikrophon zwingt dazu, sich zu konzentrieren, auf einmal wird das Gespräch zum Wichtigsten im Leben, die Wirklichkeit konzentriert sich darauf, ihre interessantesten O-Töne ins Mikrophon zu schicken. Die großen Augenblicke vor dem Mikrophon ereignen sich, wenn das Gespräch Flügel bekommt, wenn die Wirklichkeit sich befreit. In dem Moment, kommt es zu einer höheren Konzentration von Drama und Poesie. Was vor dem Mikrophon geschieht, könnte man mit einem alten zen-buddhistischen Rätsel vergleichen: Erst sind die Berge nur Berge, dann sind sie keine Berge mehr, und schließlich sind sie wieder nur Berge. Oder: Erst ist das Mikrophon eine Last, dann vergisst man es, danach inspiriert es einen. Erst diese letzte Phase, sie macht den Klang magisch.

Im Grunde war ich immer nur auf der Jagd nach dem Snapshot. Dem Augenblick, in dem Berge wieder Berge sind. Kann man diesen Augenblick nicht einfangen, ist alles verloren. Steuert man ein Interview zu sehr, erstickt man den Augenblick. Zu diesem kommt es erst, wenn man die Kontrolle aufgibt. Das lässt sich nicht erklären, man weiß nur, dass es geschieht. Zugleich weiß man, dass es solche Augenblicken nur gibt, weil das Mikrophon da ist. Es ist paradox, aber so ist es. Wenn das geschieht, ist es, als würde man sehen, wie ein seltenes wildes Tier sich auf eine Lichtung hinaus wagt.

Das alles kommt, wie gesagt, zum Ohr herein. Der Film hat Auge und auch Ohr, die Radiophonie nur das Ohr, es ist ein Ein-Sinn-Medium. Das ist seine besondere Magie. Klang schafft eine besonders intensive Form von Bildern. Klang ist stärker als das geschriebene Wort. Schon die angeborene Authentizität ist ein Geschenk, das Glaubwürdigkeit schafft.

Das Ohr ist unsere erste Verbindung mit der Welt. Wir hören die Klänge der Welt zum ersten Mal durch das Fruchtwasser. Das Ohr ist unsere Öffnung zur Welt. Und das Ohr warnt uns, durch das Ohr erleben wir Liebe und Hass. Das Ohr führt uns durch die Welt. Unsere Augen sehen die Welt, doch ohne das Ohr ist sie leer und leblos. Am Anfang war das Ohr – nicht das Wort.

Das Wort erfasst Klang hinter Klang hinter Klang. Das Auge kann sich nur auf ein Bild konzentrieren. Die Dämmerung macht Bilder unscharf, mehrdeutige Stimmen machen das Hören spannend. Das Ohr kann in den Schichten der Klänge auf Entdeckungen gehen, sich in Untertöne und Seitenklänge vertiefen. Die komplexen Klangbilder geben dem radiophonischen Ausdruck Tiefe, Schärfe und Nuance. Die Stille redet. Ja, das Ohr erfasst all das, was sich nicht in Worten wiedergegeben lässt. Klang erfasst man zwischen den Ohren, nicht zwischen den Zeilen.

Die Arbeit mit dem radiophonischen Ausdruck ist einsame Autoren-arbeit. Man setzt einen O-Ton nach dem anderen, und der Hörer ist gezwungen zu folgen. Das ergibt Zusammenhang und neuen Sinn. Die O-Töne bewegen sich in die gewünschte Richtung, und die Geschichte entsteht. Entscheidend ist, wie man eins nach dem andern setzt. Das ist die Kunst, die übersehene. Da liegt das Geheimnis. In den Schnitten verbirgt sich der Autor.

Regeln gibt es auch, die alten aristotelischen Regeln. Man beginnt „in medias res“ und endet lauter als man angefangen hat. Startet man mit Gebrüll, endet man in der Regel schließlich wie ein Lamm. Es ist besser, wie ein Löwe im Lammfell zu beginnen. Wie man das macht? Es ist ganz einfach, und doch können es die wenigsten. Es braucht Talent. Ein klarer Verstand ist jedoch kein Hindernis. Um eine dramatische Kurve zu erzeugen, muss man die emotionale Temperatur des Klangs fühlen. Zu starke Dinge an falschen Stellen machen das Ganze kaputt. Man kann es mit Kartenspielen vergleichen oder als wollte man das Puzzlespiel eines blauen Himmels legen. Gelingt es, ist alles blau, sonst ist der Himmel voller Löcher.

Dazu ein Beispiel. In meiner Montage Pæne Folks Børn (Kinder netter Leute), 1976, kulminiert das Ganze in einem dramatischen Dialog zwischen Vater und Sohn über den Totschlag des Sohnes an einem Drogen-abhängigen. Alles, was dem vorausgeht, sind Vorgriffe, Variationen, Wegschilder, selbst dann, wenn ich andere Stimmen nehme als die Stimmen am Schluss. Sie reden dennoch mit derselben Stimme. Misslingt der Vorgriff, dann wirkt die Kulmination falsch, und die Magie wird gebrochen.

Bei der Sammlung des Stoffes spielt die Interviewtechnik eine große Rolle. Die wenigsten schaffen es, Klangmaterial zu sammeln und ein episches oder dramatisches Ganzes daraus zu machen. Die Lehrsätze sind Legion, aber eigentlich gibt es keine Interviewtechnik. Jeder fragt mit seiner Stimme und seinem Verstand. Niemand hat besondere Fähigkeiten, den Menschen nahe zu kommen, niemand vermag den Leuten etwas mit der Brechstange entlocken. Was wirkt, ist nur das Interesse, man selbst zu sein, seinen Verstand zu gebrauchen, die nötigen Kontrollfragen zu stellen, nachzubohren. Und doch entgeht einem immer etwas, versiebt man eine Pointe, verliert man einen Aspekt. „Die beste Milch kommt zuletzt“ pflegte Willy Reunert zu sagen. Man könnte ergänzen, jede Form von Verärgerung oder Verdammung von Seiten des Interviewers ist zerstörerisch; für denjenigen, den man interviewt muss man amoralisch sein. Einen klaren Kopf haben, wohlwissend, und doch amoralisch. Moralisieren kann man später immer noch, wenn man unter der Last leidet.

Das geschriebene Radiofeature ist in Dänemark selten. Man hält sich an gute alte Formen und Doktrinen: Dänische Featuretradition geht mit Vorliebe auf Jagd nach unglücklichen Existenzen im dritten Hinterhof. Dies war einmal – unter Viggo Clausens und Stephen Schwartz’s Jugendarbeiten – die Stärke des Features, jetzt kann es auch eine Zwangsjacke sein. Weiß man weder ein noch aus und hört auf einmal Gottes Stimme, dann hilft auch kein Mikrophon. Seine Stimme kann es nicht aufnehmen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, ich bin Heide, die Metapher stimmt aber dennoch. Hat man nur die eigene Stimme zur Verfügung und keine andere, muss man sie auch benutzen. Sie kann ebenso große Kunst schaffen wie eine Komposition aus anderen Stimmen. Man malt nicht nur mit anderen Stimmen, sondern auch mit der eigenen. Mit einem eigenen Text kann man sich aus der Abhängigkeit von anderen Stimmen lösen.

Die großen Autorenfeatures haben in Deutschland in erster Linie Leonhard Braun und seine Nachfolgern geschaffen. In Frankreich haben René Farabet und Kaye Mortley Zwischenformen hervorgebracht, die an die dänischen erinnern, diese aber schon längst gesprengt haben.

Für mich selbst sehe ich das Feature Hvad Hjertet begærer (Was das Herz begehrt) aus dem Jahr 1979 als Höhepunkt meiner Arbeit mit dem besonderen dänischen Genre: Stimmen von anderen – und gleichzeitig kündet es den Bruch mit diesem Genre an. Ort ist das Einkaufscenter City 2. Hauptperson ist ein Handlungsvertreter, der gegen den Zeitgeist anredet, um ihn herum eine Menge Snapshots von Menschen und Situationen. Das Drama spielt sich zwischen dem Handlungsvertreter und den übrigen Stimmen im Einkaufscenter ab. Das ganze Feature besteht aus authentischen Aufnahmen, das Ergebnis aber ist eine radiophonische Fiktion. Alles klingt, als wäre es am selben Ort aufgenommen, obgleich das nicht zutrifft. Die Kunstfertigkeit ist sorgfältig verborgen.

Peter Kristiansens Eliten fra Minefeltet (Die Elite vom Minenfeld) aus dem Jahr 1989 ist ein ähnliches Kunstprodukt. Hier findet sich keine Pause, die nicht berechnet, kein Verlauf, der nicht komponiert wäre, Dialoge, die von dem Produzenten nicht geschaffen wären. Aber wie alle große Kunst ist auch diese Kunstfertigkeit unsichtbar. Man könnte sagen, dass Peter Kristiansens Form noch immer in der dänischen Tradition gründet, wogegen ich diese in meinen späteren erzählenden (und geschriebenen) Features verlassen habe.

Es ist problematisch, wenn der Autor eines Features sich in den Leiden und Sorgen anderer suhlt. Das wirkt manchmal so, als ständen die Interviewten unter Zwang und würden reden, als hielte ihnen jemand die Pistole an die Schläfe und verlangte von ihnen, ihre eigene Darm-flora offenzulegen. Dies ist eine Art um sich greifender Eingeweide-archäologie, man könnte es auch Sozialpornographie nennen, die nur Ärzte interessiert, Psychologen und Spanner. Charakteristisch ist dabei, dass der Autor sich weder wirklich für seine Personen interessiert noch sie versteht, sondern sie nur ausnutzt. Die Personen erhalten keine Gelegenheit, sie selbst zu sein – oder ihrer Wege zu gehen. Stattdessen macht man sie vor dem Mikrophon noch einmal zu Invaliden– wie z. B. in Christian Stentofts DINA –und opfert das Genre einer Sensations-journalistik. Hier lautet die einzige Mitteilung an die Hörer, das Leben ist Mist. Das wissen wir, und das ist nicht interessant. Wenn man den Mist wirklich zeigen will, dann muss man ihm Flügel verleihen.

Nicht alle radiophonischen Features überleben. Nur die wenigen, die genügend Energie und Klangintensität besitzen. Die meisten sind leicht verderblich, verlieren ihre Frische, brennen aus wie elektrische Birnen.