Alicia – eine Liebesgeschichte

Von Johnny Harboe

Niels Peter Juel Larsens „Alicia ist eine feine kleine Liebesgeschichte,

die erforscht, was Besessenheit aus einem Menschen machen kann.

Roman

Niels Peter Juel Larsen:

Alicia – eine Liebesgeschichte

190 Seiten, 229 Dkr

Forlaget Herreværelset

Bereits erschienen

Wir befinden uns in den 1980er Jahren. Jonas hockt zuhause in seinem Einfamilienhaus in den Kopenhagener „Kartoffelreihen“, als sein alter Kollege Thomas anruft. Beide sind Auslandskorrespondenten großer dänischer Tageszeitungen und haben eine Verabredung in Managua, der Hauptstade Nicaraguas. Jonas hat noch immer mit den Nachwirkungen der Trennung von der Schauspielerin Lisa zu kämpfen, rafft sich jedoch schließlich auf und fährt nach Mittelamerika. Dabei lässt er die Gedanken schweifen. Und immer wieder kommt er auf zwei Perioden zurück. Die erste fällt in die Zeit, die er – vor seiner Ehe mit Lisa – mit der verführerischen Stewardess Alicia verlebt hat. Erst in Paris, danach in Kopenhagen und schließlich auf einer langen Autoreise durch Frankreich. Später hat Jonas auch etwas Ähnliches mit Lisa versucht, aber ohne denselben sexschwitzenden Erfolg.

Das Herz der Finsternis

Die andere Periode fällt in die Zeit der Besetzung Dänemarks, als Jonas‘ Vater sein Leben vor einem Hinrichtungspeloton ließ, nachdem er wegen Widerstand gegen die deutsche Besetzung verhaftet worden war. Jede dieser beiden Perioden spiegelt auf ihre Weise den Gemütszustand, in dem Jonas sich große Teile seines Lebens befunden hat. Weder die Besessenheit von Alicia noch der Tod des Vaters werden ihn jemals loslassen. Als Jonas schließlich nach Nicaragua kommt und sich tief in die Dschungelgebiete des Landes begibt, geht ihm auf, dass sich das Herz der Finsternis nicht unbedingt in der Natur findet. Im Gegenteil, man kann die Finsternis kultivieren, indem man sich selbst gegenüber nicht ehrlich ist. Man muss gegen seine Besessenheit ankämpfen, indem man für seinen Traum kämpft. Und im Übrigen ist es auch bedeutungslos, ob es um eine Besessenheit militärischer Art geht, wenn der Traum so banal ist wie ein Leben mit der großen Liebe.

Tristan und Isolde

„Alicia“ ist in vielerlei Weise ein geglückter Roman, der ganz nebenbei einige deutliche Hiebe gegen die moderne Performance-Kultur austeilt. Die Schauspielerin Lisa fällt niemals aus einer ihrer vielen Rollen, sondern scheint für jede Situation eine übertriebene Komödiengrimasse parat zu haben. Die immer wiederkehrende Liebesgeschichte zwischen Jonas und Alicia hat ihre Wurzeln in der klassischen Erzählung von Tristan und Isolde, doch ist dem Roman hier ein Gran sexuellen Gefährlichkeit beigemengt, die ihren Höhepunkt erlebt, als Jonas im Schlaf von Alicia vergewaltigt wird. Aus demselben Grund muss Jonas auch sein Versprechen gegenüber Thomas halten und nach Nicaragua fliegen. Das Land ist ein Bild des Verhältnisses der Hauptperson zu Alicia und Lisa. Erst wird es von der Somoza-Diktatur vergewaltigt, dann vom revolutionären Komödienspiel der Sandinisten verführt.

Vibeke Blaksteen / 2. April 2012

Das Wesen der Liebe ist der Kern in

Niels Peter Juel Larsens straffen Geschichte

Ein Vater wird kurz vor der Kapitulation der Deutschen in Ryvangen hingerichtet. Er hat im Widerstand gekämpft und besaß viel Mut, bis man diesen in den letzten Monaten aus ihm herausprügelte. Dreißig Jahre später versucht der Sohn die Geschichte seines Vaters zu schreiben und dadurch den Komplex von Gefühlen zu lösen, den sein Tod hinterlassen hatte: Sehnsucht, Enttäuschung, Bewunderung und ein Bedürfnis, so tatkräftig zu werden wie dieser.

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Niels Peter Juel Larsen schreibt hier die Geschichte von Jonas, der versucht, die Geschichte seines Vaters zu schreiben, während er gleichzeitig als Kriegsreporter unterwegs ist und der Liebe seines Lebens begegnet, Alicia. Larsen hat selber eine journalistische Vergangenheit, hat Radiomontagen über Nicaragua produziert und Theaterstücke und Romane verfasst.

Mit der Wahl seines Berufs hat Jonas deutlich versucht, sich der Welt seines Vaters anzunähern, sein wiederkehrendes Problem ist sein fehlender Mut. Jonas ist der kritische Beobachter und hält sich in gefährlichen Situationen zurück, wo andere in seiner Männerwelt von Huren, Alkohol, Reportern und Krieg mehr auf Handlung aus und Draufgänger sind.

Seine reservierte Haltung macht sich auch geltend, als er Alicia begegnet. Doch hat sie etwas Geheimnisvolles und Unklares, das an das Verhältnis zum Vater erinnert, und bald gibt er jede Gegenwehr auf. Das Liebesverhältnis zu ihr wird zu einer stürmischen Besessenheit, die zwischen Glück und Ohnmacht schwankt und sich nie zu einem festen, traditionellen Zusammenleben entwickelt. Alicia ist verheiratet und braucht anscheinend beide Männer. Er versucht es mit anderen Frauen, aber seine Sehnsucht nach Alicia zerstört diese Verhältnisse.

In der großen Passion versammeln sich Sehnsucht und Träume aus der Kinder- und Jugendzeit und nehmen erotische Form an. In einer besessenen Vision von der Aufhebung aller Hindernisse und Entbehrungen werden Vater und Alicia für Jonas eins. Zugleich ist die Leidenschaft nur lebendig, solange sie unklar und widersprüchlich bleibt. Eben dieses Wesen der Passion ist der Kern in Juel Larsens Liebesgeschichte, in einer straffen Sprache geschrieben, die erotische Szenen und Beobachtungen aus der Kriegszone in Nicaragua gleich lebendig entfaltet.